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Das factum, das Gemachte, soll sprechen. Günter Krüger stellt die von ihm gefundenen Tatsachen und Entdeckungen nicht einfach nur vor, sondern es gelingt ihm, eine ständig wechselnde Aufbereitung von Inhalten mit Bild und Text so anregend und immer wieder neu aufzuführen, dass man schon bei der nächsten Seite die kommende Überraschung erwartet!
Max Ernst hat jetzt zugegeben... - so könnte man mit Hanns-Dieter Hüsch fast sagen - und so könnte durchweg auch der Untertitel heissen! Es gibt in der Tat so einiges, was nicht unbedingt bekannt oder gewusst wurde und diese Entdeckungsreise, auf so anregende Art präsentiert, macht wirklich Spaß.
Aber Spaß beiseite: Mal im Ernst - Max ist ein Held, wenn's um Dada geht! - und Dada liegt ja wieder total im Trend!
Dada war eine Bombe! Ganz im Gegensatz zu der Tendenz, die Kunst auf den besagten Sockel zu heben und zu entschärfen! Hier bleibt die Aussage provokant, aggressiv-entlarvend und revolutionierend und lässt sich nicht von einer wohlmeindenden Lobby und von den sogenannten Kulturschaffenden kastrieren. Hier steht die totale Absage an ein Kunstverständnis, das Gefälliges (und darüber hinaus Passendes) oder Ornamentierendes zugunsten des Provozierenden, Widerstand-leistenden hervorhebt, das den gesellschaftlichen Umbruch nicht ausschließt und wegdrängt, sondern ihn auflädt und ermöglicht. Das lacht nach vorne, ist aber Ernst!
Ob es weniger kreativ ist, darüber lässt sich streiten, aber es ist in jedem Fall ein deutliches Stück objektiver, weil es die verdrängten Aspekte mit einbezieht. Daher ist Dada auch nicht weit entfernt vom Surrealismus, dessen ausgesprochenes Ziel die Hervorrufung unbewusster Energie- und Kreativitätspotentiale war. So sieht man nun Max Ernst auch einmal als echten Surrealisten. Diese Aspekte so klar, unmissverständlich und menschennah (nicht populär!) darzustellen, ist ein echtes Verdienst des Autors, dem es umso mehr um die Klarheit der Sache und die Wirkmächtigkeit der Tatsachen geht. Allein die Vielfalt der Beobachtungen aus so köstlich kontrastierenden Blickwinkeln gibt der Zielsetzung des Buches das notwendige Futter. Man erfährt selten über Dada so viel in einem "Geschichtsbuch" und selten so Präzises und Stringentes (an Spurensuche) in so manchem "Kunstbuch". Schön, dass man es daher nicht so schnell einordnen kann. Ich kann dem Autor nur meinen Glückwunsch aussprechen, denn es ist ihm gelungen, Kontroverses, Brisantes, politisch Verfängliches aber auch künstlerisch Gewagtes und Ernüchterndes neben das Althergebrachte und endlos Wiederholte zu platzieren. Darüber hinaus gelingt es ihm, diese Gegensätze auszuhalten. Er kann dem Leser somit Erkenntnisse vermitteln, die so schnell und unmittelbar verstanden werden, dass das Mitdenken und -verstehen freudig zur nächsten Seite leitet. So spannend habe ich noch nie etwas über Dada und Max Ernst erfahren. Da lebt doch der Dadasoph in mir auf und sagt: gut, guter, Günter Krüger - Spaß muss sein.
Henning Weyerstraß
Buchauszug:
MAX ERNST MACHT SPASS: Schön doppelbödig! Diese DADAisten nahmen den deutschen Spießer auf die Schippe - solche Spottvögel fehlen heute dringend! Max, der den Spruch „Witz, Ironie und tiefere Bedeutung" liebte, erfand für seine hintersinnig-humorvollen Werke witzige und ironische Titel.
Zum Schmunzeln sind auch seine „Zwei Gehilfen", die respektlos vor das Brühler Rathaus spucken. Witzig aus seiner Sicht sind zwei Skulpturen des Trios „Lehrerkollegium einer Schule für Totschläger", deren Phallus-Symbolik unübersehbar ist. Der DADAmax bestieg sogar ein Schaukelpferd und steckte diesem den Zeigefinger in den Hintern. Vermutlich wollte er auf gut rheinisch einen Fingerzeig geben: „Ihr hatt üch janz fies an de Fott jeföhlt!" (Da habt ihr euch aber ganz gewaltig getäuscht!).
Die DADAisten waren wichtige Revolteure und die Surrealisten richtige Revolutionäre. Klar, dass sie alle Nietzsche, den Umwerter aller Werte, glühend verehrten. Noch im hohen Alter trug Max Ernst, der sich als „alten Meuterer" bezeichnete, Nietzsches „Fröhliche Wissenschaft" und ein anarchistisches Werk von Max Stirner bei sich. Loplop, der Vogeloberste, hat durchaus tiefere Bedeutung. Und dennoch: Nicht stirnrunzelnd, sondern schmunzelnd möge der Kunstfreund die Werke des „bekennenden Rheinländers" betrachten: MAX ERNST MACHT SPASS!
Kölner Stadtanzeiger:
Ein Brühler vermisst die revolutionäre Seite des Künstlers
Von Alexa Jansen, 20.09.05
Der Autor Günter Krüger hebt die politische Aktivität von Max Ernst hevor.
Brühl - „Max Ernst war ein rheinischer Till Eulenspiegel und ein bekennender Anarchist." Leidenschaftlich äußert Günter Krüger, Leiter des Brühler Museums für Alltagsgeschichte, seine Thesen zu dem international renommierten Künstler. Diese politische und gesellschaftskritische Seite von Max Ernst fehle in der kunsthistorischen Literatur, zudem werde der Künstler oft falsch verstanden, würden Legenden rund um sein Werk und Leben gebildet. „Für alle, die mehr wissen und aufgeklärt sein wollen", habe er das Buch „Max Ernst macht Spaß - Fakten statt Legenden" veröffentlicht.
Auf knapp 100 Seiten hat der Autor Zitate von Max Ernst und seinen Zeitgenossen sowie Kunsthistorikern und Journalisten zusammengetragen - ergänzt durch sehr persönliche Kommentare und Zeichnungen: „Ich lasse Max Ernst selber sprechen. Als Künstler und Buchautor mit gesellschaftskritischem Anspruch habe ich nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht, Max Ernst da zu verteidigen, wo er nach meiner Überzeugung falsch verstanden wird und wo Wahrheiten immer noch gern unter den Teppich gekehrt werden", argumentiert Krüger selbstbewusst. Besonders wichtig ist ihm dabei, die politische Haltung der Dadaisten und Surrealisten, zu deren Hauptvertretern Ernst zählt: „Sie waren fest entschlossen, eine Revolution herbeizuführen, und wollten den herrschenden Kapitalismus umstürzen. Ernst darf nicht aus dem Sinnzusammenhang seiner Zeitgenossenschaft herausgerissen werden. Andernfalls findet der Betrachter keinen Zugang zu den Werken." Die politischen Hintergründe vermisse er auch in der Eröffnungsausstellung des Max-Ernst-Museums, genau wie einen vertiefenden Blick in die Arbeitsweisen des Künstlers und ausführliche Erklärungen zu den einzelnen Werken. „Als Ergänzung zur Eröffnungsausstellung" will Krüger daher sein Buch auch verstanden wissen. In dem grafisch sehr gelungenen Band, der in Zusammenarbeit mit dem Kölner Fotografen und Verleger Dieter Klein und der Brühler Germanistin Dr. Jutta Becher entstand, konzentriert sich Krüger auf die 20er und 30er Jahre, für ihn „die stärkste Zeit": „Über die Zeit danach möchte ich kein Wort verlieren. Was Max Ernst seit den 1940er Jahren noch „malte", collagierte, frottierte, décalcomanierte usw., ist hundertprozentig dekorativer Wandschmuck. Bunt und belanglos."
Genauso kritisch wie mit dem Spätwerk des Künstlers geht Krüger auch mit Geschichten und Anekdoten aus dem Leben von Ernst um. Als Beispiel führt das Buch die Geschichte auf, dass Ernst in jungen Jahren in dem heutigen Museum getanzt und mit Bürgertöchtern geflirtet haben soll: „Doch nicht hier, wie die Museumsförderer es gern verbreiten möchten, sondern im altehrwürdigen Belvedere, dem festlichen Treffpunkt der Brühler Bevölkerung, hat der Dadamax schon mal getanzt. Als der junge Max Ernst der provinziellen Enge seiner Geburtsstadt den Rücken kehrte, war der «Brühler Pavillon«, wo er - laut Propaganda als »begnadeter Tänzer« großes Aufsehen erregt haben soll - schon seit Jahrzehnten geschlossen", erläutert Krüger.
Er urteilt: „Die Experten haben ein festes und unverrückbares Bild ihres Protagonisten im Kopf, das möglichst deckungsgleich mit den Erkenntnissen der anderen Ernst-Kenner sein muss. Man schreibt ja auch voneinander ab, so werden auch Fehler häufig tradiert."
Das Buch ist erschienen im Verlag dieterklein.com, Telefon 0221 / 541680 und kostet 39,80 Euro.
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